Mittwoch, 18. Mai 2016

Noch ein paar Gedanken zu Chilli ihrem schrecklichen Unfall


Mit diesem Post möchten wir uns noch einmal bei all unseren lieben Lesern bedanken, für die zahlreichen rührenden Mails und Kommentare, lieben Worte und Wünsche für Chilli, welche uns erreicht haben und teilen noch ein paar Gedanken mit euch.




Wir hatte ehrlich gesagt in keinster Weise damit gerechnet, dass uns so viele liebe Zeilen erreichen werden, ganz im Gegenteil:  Ich hatte mich darauf eingestellt, dass auch Mails ins Postfach flattern wie: „Ja was schreibst du das jetzt hier, hätteste deinen Hund mal an der Leine gelassen, wäre es nicht passiert. Kommst wohl nicht klar mit dem großen Tier…“ Nix der gleichen hat sich bewahrheitet. Ganz egal ob als Kommentar unter den beiden Post´s, als Mail, über Instagram oder Facebook. Wir haben all eure lieben und rührenden Zeilen gelesen und möchten DANKE dafür sagen. Viele Fragen wurden uns gestellt und ich habe über Pfingsten die letzten Antwortmails dazu getippt. Da folgende zwei Fragen besonders häufig gestellt wurden, möchte ich den heutigen Beitrag noch einmal nutzen und näher darauf eingehen.

Ist Chilli seit dem Unfall im Wesen verändert oder hat psychische Schäden davon getragen?

Diese Frage kann ich ganz klar mit NEIN beantworten. Auch ich hatte mir noch in derselben Horrornacht Gedanken dazu gemacht, was wäre wenn Chilli zwar überlebt, aufgrund des Vorgefallenen aber so große psychische Belastungen mit sich trägt, dass sie kein lebenswertes Hundeleben mehr führen kann, sich stark zurückzieht, zum Angsthund entwickelt…

Nix dergleichen ist eingetreten. Ich weiß noch genau, als ich mit ihr nur wenige Tage nach dem Unfall zum Verbandswechsel in Richtung unserer TA fuhr und kurz vor uns die Bahnschranken hinuntergingen. Für einen kurzen Moment überlegte ich zu drehen und einen Umweg zu fahren, bei welchem Chilli nicht mit einem vorüberfahrenden Zug konfrontiert wurde, entschied mich dann aber dagegen, weil ich auch möglichst bald wissen wollte, ob sie ein Trauma davon getragen hatte, an welchem es nach der Genesungsphase zu arbeiten galt, da wir nun einmal von Bahngleisen in unserem Ort umgeben sind und diese sich auf Dauer nicht einfach meiden ließen.

Nachdem ich den Automotor also abgestellt hatte, drehte ich die Musik etwas lauter, versuchte aber selbst möglichst ruhig zu bleiben, um Chilli so wenig wie möglich von meiner Angst und Unsicherheit spüren zu lassen. Somit drehte ich mich auch nicht zu ihr um oder sprach auf sie ein, sondern beobachtet lediglich durch den Rückspiegel ihr Verhalten.

Als der Zug näher kam, schlug mein Herz so hoch, dass auch Chilli dies definitiv wahrgenommen haben muss, denn ich rechnete mit allem, angefangen von lautem und angsterfülltem Quietschen, bis hin zum Versuch, irgendwie aus dem Auto zu kommen, um zu flüchten, wo ich dann selbstverständlich eingegriffen hätte. Aber es geschah nix, wirklich absolut nix. Chilli setzte sich nicht einmal mehr in den Sitz um zu schauen, sondern blieb im Platz liegen und nur ein kurzes Zucken ihrer Ohren verdeutlichte mir, dass sie überhaupt wahrnahm, was da gerade kurz vor uns vorüberfuhr. Sowohl unsere TA als auch ich gehen davon aus, dass Chilli ab dem Zeitpunkt des Aufpralls aufgrund ihres großen Schocks, nichts mehr wahrgenommen hat, weder wusste wo sie sich befindet, noch was mit ihr passiert war und sich erst recht in keinster Weise mehr daran erinnern kann.

Laufen wir heute unsere große Runde in den Wald, welche über einen Bahnübergang führt und müssen einmal vor verschlossenen  Bahnschranken warten, halte ich natürlich einen großen Sicherheitsabstand ein, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich innerlich mit aufsteigenden Bildern mehr zu kämpfen habe, als Chilli, welche gelassen und mit gespitzten Ohren neben mir sitzt und sich freut, sobald wir weiterlaufen können.

Was sie seitdem deutlich mehr macht ist, dass sie sich auf Wiesen und Feldern zum genüsslichen kugeln fallen lässt und einfach viel öfterer zeigt, wie glücklich sie ist, wieder laufen zu dürfen. Dies bringe ich aber auch deutlich mit ihrer so lang verordneten Zwangslaufpause [im Anschluss an beide TPLO- Op´s] in Zusammenhang und das sie mir so verstärkt zeigt, wie glücklich sie ist, endlich wieder nach Herzenslust laufen und einfach nur Hund sein zu können.
Mein allerliebster Lieblingskasperkopf ;-)


Traust du dich denn, Chilli überhaupt noch frei und ohne Leine laufen zu lassen?

Auch dies ist eine völlig verständliche Frage, mit welcher ich mich selbst sehr lange auseinandersetzten musste. Letztendlich habe ich mir aber bewusst gemacht, dass egal wie vorsichtig und aufmerksam man im Umgang mit seinem Hund ist, einfach immer etwas passieren kann, wo man noch nicht einmal selbst dran schuld sein muss. Ich kann sie an der Leine über unsere Dorfstraße führen und wir können von einem angetrunkenen Autofahrer erfasst werden oder müssen noch nicht einmal zu Fuß unterwegs sein, sondern uns im Auto zum TA oder zu Freunden befinden und können in einen Unfall verwickelt und verletzt werden. Es kann einfach immer und überall etwas passieren, ganz egal wo man sich befindet und ob ich Chilli nun in Zuckerwatte einpacken würde oder nicht.

Natürlich läuft sie nicht frei entlang von Bahngleisen oder befahrenen Bundestraßen. Auch in Wäldern, welche sehr unübersichtlich sind oder welche ich selbst noch nicht ausreichend kenne, bekommt sie ihre Schleppi dran und jetzt in der aktuell noch bestehenden Brut- und Setzzeit  sogar noch verstärkter als sonst, denn Chilli Räubertochter ist ja kein Mädchen, welche sich aus Jagen so gar nix macht, auch wenn ich mit unseren Trainingsfortschritten, welche wir schon erzielen konnten, sehr zufrieden bin.

Laufen wir aber Strecken, welche ich kenne, gut einschätzen und weit überblicken kann, läuft auch Chilli heute wieder frei.
Was es allerdings nie von Chilli zu sehen geben wird, sind Bilder, in welchen sie auf Bahngleisen sitzt. Schon mehrfach habe ich [zum Teil auch wirklich sehr schön anzusehende] Bilder von Hunden im Gleisbett oder auf stillgelegten Schienen entlang balancieren gesehen. Ganz egal ob sich solche Aufnahmen zum Trend entwickeln sollten oder nicht: Von Chilli wird es solch Bilder definitiv nicht geben, stecken da einfach zu viele grausame Erinnerungen dahinter.

Dann doch lieber ein kitschiges Herzchen- Bild mehr! ;-)


Warum und wie ich das innerlich mit mir vereinbaren kann?

Weil ich sehe, wie überglücklich mein Mädchen ist, wenn sie auch einfach nur mal Hund sein darf, welcher nach Herzenslust voller Freude und Energie über die Felder und Wiesen toben, durch Matschpfützen spritzen, nach Mäuschen graben und sich kugeln darf, ohne Geschirr und Schleppi am Rücken.

Und weil ich weiß, dass egal wie achtsam man auch ist, immer etwas passieren kann. Auch Chilli war vor dem Unfall zuverlässig abrufbar, hatten wir fast 2 Jahre hartes Schleppleinentraining hinter uns.

Aktuell hört man auch verstärkt immer wieder die grausamsten Giftködervorfälle. Es gibt wunderbare Anti- Giftköder- Trainings, aber auch diese können keine 1000%ige Sicherheit geben, denn unsere Hunde sind keine Maschinen, welche wir nach Belieben programmieren können, sondern Individuen, in deren Kopf wir nicht hineinlesen können. Es kann in 100 Situationen gut gehen und in Situation 101 klappt der Abruf oder das Nein einmal nicht. Natürlich ist es absolut tragisch, wenn dies dann so fatale Folgen hat und ich wünsche so etwas wirklich KEINEM Hundebesitzer, weiß ich selbst wie schwer und nervenaufreibend solche Folgen sein können, aber Fakt ist und bleibt meiner Meinung nach: Es KANN immer etwas passieren, ganz egal wie gut man aufpasst, sich und seinen Hund auf verschiedene Situationen vorbereitet… Auch Hunde sind Lebewesen und können trotz außerordentlich gutem Training einmal ihr Nervenkostüm verlieren, durch unvorhergesehene Situationen abgelenkt sein und anders handeln als sonst. Wer dies abstreitet, ist in meinen Augen entweder nicht ehrlich oder hatte glücklicherweise noch nie eine solche Situation mit fatalen Folgen. Trotzdem ist meine persönliche Meinung, sollte jedem Menschen noch vor der Anschaffung eines Hundes bewusst sein, dass egal wie sehr und aufopferungsvoll man plant und sich vorbereitet, einfach IMMER etwas passieren kann, denn auch wenn ich dies niemandem wünsche- So ist das wahre Leben…!