Dienstag, 12. Juli 2016

Rettungsaktion zum Start in die neue Woche


Unser Wochenstart begann mit ganz viel Aufregung, einer Rettungsaktion eines Kälbchens, welche mich aber trotzdem noch nicht zufrieden stellt und wahnsinnig viele Fragen, Gedanken und ein Chaos an Gefühlen hinterlässt, aber lasst mich von vorn beginnen und vielleicht ist jemand unter euch, wer sich mit Milchkühen und vor allen Dingen der rechtlichen Lage dazu auskennt oder Tierschutzorganisationen kennt, welche man kontaktieren kann, sollte man wieder mal so einen Vorfall haben.




Um 7 Uhr starteten Chilli und ich gemeinsam mit Monky und deren Zweibein auf eine unserer Lieblingsrunden, welche vorbei an einer Weide mit Biorindern führt. Als wir an der Weide vorbeiliefen, entstanden noch folgende Bilder, einem Anblick, welcher mich sehr schmunzeln ließ und vielleicht schon eine Art Vorbote sein sollte, für das was nur ca. 200 Meter und dem Beginn eines Waldstückes auf uns wartete.


Monky und Chilli [welche sich im Übrigen sowieso an der Schleppleine befand], machten uns Zweibeiner noch nicht einmal aufmerksam, aber ich sah, als ich schon halb dran vorbeigelaufen war, ein kleines braunes „Häufchen“ im Dornengebüsch liegen. Auf den ersten Blick dachte ich es wäre ein Reh, also lief ich erst einmal schnell weiter, sodass die bereits vorbeigelaufenen Hunde erst gar nicht noch darauf aufmerksam gemacht wurden und drückte Chilli meiner Freundin mit in die Hand. Ich lief die wenigen Meter wieder zurück und erkannte dass es sich um ein Kälbchen handelte und es auch noch atmete.
 

Überreste der Nabelschnur
 
Ich rief den zuständigen landwirtschaftlichen Betrieb an und schilderte die Situation. Die Mitarbeiterin konnte mir selbst nicht sagen, wie ich mich richtig zu verhalten hatte und leitete mich an ihren Chef weiter, von welchem man eigentlich denkt, ihm sind seine Tiere wichtig, aber große Fehlanzeige, denn ich bekam folgende Antwort: „Das ist ein völlig normales Verhalten der Kälbchen. Wenn es denen in der Herde zu viel wird, ziehen die sich gerne mal zurück, legen sich ab und wenn die Mutter nach ihnen ruft, gehen sie wieder zur Weide. Ich solle es liegen lassen und weiterlaufen!“ Völlig perplex von dieser Aussage erwähnte ich wieder, dass das Kälbchen bereits im Wald lag, gute 200 bis 300 Meter entfernt und nicht nur wenige Meter neben der Weide. Ich sagte weiterhin dass es sehr schwach aussieht, den Kopf noch nicht einmal mehr hebt und ich eigentlich nur anhand der Atmung erkannte dass es noch lebte. Ich sagte ihm ebenfalls, dass wir kurz vor dem Auffinden des Kleinen 2 Transporter mit Leuten aus seinem Betrieb an der Weide vorbeifuhren sahen und er diese doch kontaktieren sollte, sodass sie zurück kommen, ich würde solange auch bei ihm bleiben und auf die besagte Stelle im Wald aufmerksam machen. Wieder bekam ich zur Antwort das dies nicht nötig sei, es liegen lassen und weiterlaufen soll und wurde belehrt, meinen Hund an der Leine zu lassen, es hätte wohl schon Fälle gegeben, wo Hunde auf die Weide der Rinder seien und für Unruhe gesorgt hätten. Ich kam mir absolut unverstanden vor und fragte mich ob dieser Mann überhaupt mitbekommen hatte, aus was für einem Grund ich angerufen hatte!!! Für mich stand natürlich fest, dass ich dieses kleine Kälbchen nicht einfach da liegen und sich selbst überlassen konnte.


Monky´s Zweibein musste weiter, da sie auf Arbeit musste und auch nichts anderes hätte tun können, als ich es letztendlich getan habe, sodass ich Chilli nicht nur ablegte, sondern sicherheitshalber auch mit der Schleppi am Baum anband, da ich mir nicht sicher war ob sie doch heran kommt, wenn ich versuche das Kälbchen zum Aufstehen zu bewegen und vermeiden wollte, dass es neben meinem auch noch ihren Geruch annimmt. Vorsichtig zog ich also das Köpfchen des Kälbchens hervor und bemerkte schon da, dass es absolut geschwächt war und diesen nicht lange selbstständig halten konnte. Ich suchte es auf Verletzungen ab, sah aber lediglich, dass nur noch ein Stück der Nabelschnur vorhanden war, quasi noch ein ganz frisch Geborenes, welches dringend die stärkende Milch der Mutter benötigte, um überhaupt wieder auf die Beine und zu Kräften zu kommen. Mein Plan war eigentlich, es wieder vor in Richtung der Weide zu bringen, in der Hoffnung die Mutterkuh würde sich ihm wieder annehmen. Diesen Plan zerschlug sich beim ersten Versuch das Kälbchen auf die Beine zu stellen, denn es war verdammt schwer und hing in meinen Armen wie ein nasser Sack. Mit Mühe und Not schaffte ich es, es wenigstens auf die andere Seite des Waldweges zu tragen, da an der Stelle wo es lag die Sonne durchdrückte und wir bereits um 7:30 Uhr am Morgen über 20 Grad hatten und weitere Wärme dem eh schon entkräfteten Kalb nicht gut getan hätte. Meine Netzverbindung in dem Wald war wahnsinnig schlecht, Anrufe konnte ich gerade so empfangen und tätigen, eine Internetverbindung aber nicht herstellen.
Ich rief meine Mutti an und bat sie, nach Aufzuchtstationen in unserer Umgebung zu suchen, die sich dem Kälbchen annahmen, da ich ja auf die Hilfe der Leute, zu denen es eigentlich gehörte, nicht zählen konnte und es im Wald liegen zu lassen kam für mich nicht im geringsten in Frage. Bis zu meinem Auto waren es noch mehrere Kilometer, einen Weg, welchen ich das Kälbchen nie im Leben geschleppt bekommen hätte und selbst wenn, hätte ich im Auto nicht Platz für Chilli und das Kälbchen gehabt und Chilli konnte ich ja auch nicht einfach im Wald zurücklassen.

Also rief ich meine Großeltern an, welche zu meinem großen Glück absolut wissen wie nahe mir solche Situationen gehen, hinter mir stehen und versprachen sofort loszufahren und an die besagte Stelle so nahe wie möglich heran zu kommen. Ich setzte mich neben das kleine Kälbchen und es wusste nun vermutlich, dass ich ihm nur helfen wollte und nix böses, denn es schob seinen Kopf zaghaft in Richtung meines Schoßes und begann auch ganz leicht an meinem Finger zu saugen, allerdings hatte es wirklich so gut wie keine Kraft mehr, denn das Saugen war wirklich nur ganz minimal und ich hatte schon gesunde Kälbchen, welche da durchaus mehr her machten. Noch bevor meine Großeltern eintrafen rief meine Mutti mich wieder zurück, sagte das wir das Kälbchen einzig und allein auf die Weide zurückbringen könnten, denn da es noch keine Marke im Ohr hatte, würde es uns niemand abnehmen dürfen, sondern notgeschlachtet werden und wir uns sogar strafbar machen würden, da das Kälbchen nicht uns gehörte. Gesetze welche ich nicht nachvollziehen kann, denn das Kälbchen lag außerhalb, viele Meter entfernt von der Weide und auf meinen Anruf hin wurde ja auch nicht reagiert. Was ich erst recht nicht verstehen kann: Warum werden diese Tiere notgeschlachtet, nur weil sie keine Marke tragen?!! Wie grausam ist der Mensch eigentlich?!!! Daher also meine Fragen:

Kennt jemand genauestens die rechtliche Lage dazu oder hat zumindest mehr Ahnung oder Beziehungen in diesem Bereich, als ich es als einfacher Laie habe?
Kennt ihr Tierschutzorganisationen oder ähnliches, welche man kontaktieren kann und welche zu Gunsten des Tieres handeln, kommt man noch einmal in eine solche Situation?

Dann bitte ab damit in die Kommentare oder schreibt mir eine Mail [info_thats.chilli(at)gmx.de]



Für mich ist es wichtig, zukünftig Telefonnummern im Handy gespeichert zu haben, an welche ich mich wenden kann und welche wirklich zu Gunsten des Tieres handeln, statt Aussagen zu bekommen: „Lassen Sie es liegen und gehen Sie weiter!“
Meine Großeltern kamen, hievten es in den Kofferraum und fuhren mit ihm zur Weide, während ich mit Chilli hinterherlief. Beim erhören und wahrscheinlich auch der Geruchsaufnahme [ich weiß nicht wie gut oder schlecht der Geruchssinn bei Rindern ausgeprägt ist] hob es sogar schon wieder das Köpfchen und ich hatte erstmals den Eindruck, wieder so etwas wie ein Leuchten in seinen Augen zu erkennen, zumindest schaute es wesentlich munterer, als wie noch wenige Minuten zuvor.


An der Weide dann das nächste Problem: es befanden sich Bullen mit darauf, sodass wir nicht einfach drauf konnten, um es zur Herde zu tragen, welche mittig auf der Weide stand. Vorsichtig schoben wir es mehr schlecht als recht unter dem Stromzaun durch und glaubt mir, so ein kraftloses Kälbchen kann verdammt schwer sein!!! Wir zogen uns mit Chilli extra etwas zurück, in der Hoffnung die Mutterkühe werden aufmerksam und nehmen es an. Es stieß sogar zaghafte Rufe aus, aber bis auf eine Kuh, welche kurz kam, an ihm schnupperte und wieder zurück in Richtung Herde wanderte, passierte rein gar nix. So konnten wir es ja nun auch nicht lassen.

Ich blieb also weiter mit Chilli und auf Abstand an der Weide und meine Großeltern machten sich auf den Weg zu dem landwirtschaftlichen Betrieb um mal Klartext zu sprechen, mit folgendem Ergebnis und nicht wie von uns erhofft einer Aufzuchtflasche, um dem armen kleinen Wesen wenigstens mal eine Starthilfe ins Leben zu geben:
„Wo ist denn nun das Kalb? Ah da, ein Mädchen. Nicht länger als vor 24h geboren. Komisch das die Mutterkühe nicht kommen.“
Zwei weitere Angestellte wurden gerufen und das erste was diese machten, war dem Kälbchen seine  zwei Ohrmarken zu verpassen, statt ihm endlich einmal etwas zu Kräften zu verhelfen!!! *innerlich schrei*
Sie trugen es in die Herde, wo dem Kleinen nun endlich Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Taumlig und mit Anlehnung konnte es stehen. Die Leute der LPG fuhren, kein Danke, keine Anstalten es vielleicht erst einmal mit in den Stall zu nehmen um aufzupäppeln. Aus heruntergelassener Autofensterscheibe bekamen wir zur Antwort, die Mutter sei gefunden, jetzt müsse es nur noch anfangen zu trinken, dann komme es auch durch. Weg waren die „guten“ Leute [Ironie ein > wobei es mich schon ein wenig wunderte, dass sie mich nicht noch einmal belehrten, Chilli ausschließlich an der Leine zu führen… > Ironie aus]
Da standen wir nun…  Konnten nichts weiter tun, waren aber dennoch nicht glücklich mit dieser Situation. Auf Chilli war ich wieder einmal mega stolz. Sie war während der gesamten Zeit absolut brav, ruhig und abgeklärt. Natürlich hat sie all unsere Handlungen aufmerksam und mit aufgestellten Ohren verfolgt, aber weder gewinselt, noch gebellt, hat sich nicht versucht los zu machen oder ist unruhig hin und her gelaufen, sondern lag wirklich die gesamte Zeit ruhig und abgeklärt auf der von mir abgelegten Stelle und wurde Zuhause natürlich mit einem großen Knochen belohnt, denn wieder einmal kann ich nur schreiben, dass ich dieses Kälbchen nicht gefunden hätte, hätte ich nicht Chilli und wären wir noch spazieren gegangen.
Das größte Dankeschön aber geht an meine Großeltern, welche wirklich voll und ganz hinter dieser Aktion standen, mich nicht für verrückt erklärt haben oder mir mit Aussagen wie: „Lass liegen und geh weiter!“ den Tag „versüßt“ haben, sondern einfach wissen, wie nahe mir solche Situationen gehen und voll und ganz bei dieser Rettungsaktion dabei waren. Jetzt hat das Kälbchen wenigstens eine Chance zu leben, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es tatsächlich durchkommt…  
Warum ich trotzdem noch nicht glücklich mit der Situation bin? Weil es für die Leute des landwirtschaftlichen Betriebes vielleicht nur ein „Nutzvieh“ von vielen ist, Arbeit, sie abgestumpft sind und nicht von Wichtigkeit, ob es das Kälbchen schafft oder nicht. Auch bin ich mir bewusst, dass unter euch Lesern Menschen sind, welche diese Aktion vielleicht total übertrieben finden und in keinster Weise nachvollziehen können. Und ja, auch ich ernähre Chilli über Barf und dies widerspricht sich zum Teil mit meinem heutigen Handeln. Es hat und tut es auch beim Schreiben dieses Beitrages noch einmal, wahnsinnig viele Gedanken, Hinterfragungen… ausgelöst. Aber alle diejenigen unter euch, welche nur ein klein wenig Tierliebe besitzen, können denke ich nachvollziehen, wie es mir damit geht und spätestens wenn ihr persönlich in die Augen dieses kleinen Kälbchens geschaut hättet, hättet ihr euch ebenfalls dafür eingesetzt.
Daher möchte ich auch gar keine Lobenshymnen, Auszeichnungen oder sonst etwas dergleichen, sondern einzig und allein Ratschläge, wie man sich in einer solchen Situation besser verhalten kann, an welche Organisationen man sich wenden kann, welche wirklich zu Gunsten des Tieres handeln, kommt man noch einmal in eine solche Situation. Mir ist durchaus bewusst, dass der Verbraucher einen Großteil dieser Handlungen, Einstellungen und Vorgehensweisen in der Hand hat und dafür mitverantwortlich ist, aber es kann doch wirklich nicht die Möglichkeit sein, dass man ein gesundes und lediglich geschwächtes Kalb im Wald liegen lassen soll, nur weil es zu viel Arbeit macht, sich darum mal etwas intensiver zu kümmern!!! Angenommen es kommt jetzt durch, was ich mir natürlich von ganzem Herzen für es wünsche, ist es als zukünftige Milch- und Mutterkuh doch auch nutzvoll für den Betrieb… Daher bin ich über hilfreiche Ratschläge wirklich sehr dankbar und bin mal gespannt, wie lange mich dieses Erlebnis von heute wieder einmal festhält und beschäftigt…